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Grundkurs Demographie in 10 Lektionen
von Prof. Dr.
Herwig Birg
Prof. Dr. Herwig Birg
Demograph, Volkswirt und Publizist,
Professor emeritus für Bevölkerungswissenschaft der Universität Bielefeld und
Leiter der Interdisziplinären Forschungsgruppe für
Demographie/Bevölkerungswissenschaft
www.herwig-birg.de
Eine Erweiterung dieses Grundkurses finden Sie in dem Buch
"Herwig Birg, Die ausgefallene Generation - Was die Demographie über unsere
Zukunft sagt", Verlag C.H.Beck, München.
Die Hervorhebungen
außerhalb der Überschriften stammen NICHT
vom Autor sondern wurden von der web-Redaktion eingefügt.
1. Lektion: Deutschlands Weltrekorde

Seit Jahrhunderten wird das Thema "Weltbevölkerung" unter dem Schlagwort der
Wachstumsbeschleunigung diskutiert. Die erste Milliarde wurde um 1805, die
zweite um 1926/27 und die dritte 1960 erreicht. Für die vierte, fünfte und
sechste Milliarde stehen die Jahre 1974, 1987 und 1999.
Der größte prozentuale Zuwachs pro Jahr erreichte in der zweiten Hälfte der
siebziger Jahre mit zwei Prozent ein Maximum; seitdem nimmt der prozentuale
Anstieg - bei einem
absoluten Anstieg der Weltbevölkerung um 76 Millionen pro Jahr - ständig ab. Sie
beträgt gegenwärtig noch rund 1,2 Prozent. Nach den Berechnungen der
Bevölkerungsabteilung der UN fällt die Wachstumsrate ständig weiter. Das jahrhundertelange Weltbevölkerungswachstum wird wahrscheinlich um 2070 enden und
in die neue Phase der Weltbevölkerungsschrumpfung übergehen.
Keine zwei Prozent daneben
Der Prognosefehler der von der Bevölkerungsabteilung der UN in den fünfziger
Jahren für 2000 veröffentlichten Zahlen liegt unter zwei Prozent. Viele Hunderte
Prozent beträgt er bei den Prophezeiungen von Gelegenheitsdemographen im Gefolge
des Untergangspropheten Malthus. Der Unterschied zwischen wissenschaftlicher
Demographie und Gelegenheitsdemographie liegt im Grad der Differenzierung der
Vorausberechnungen. Die Vorausberechnungen der UN sind beispielsweise nach den
rund zweihundert Ländern der Welt und zusätzlich jeweils nach mehreren Varianten
der Geburtenhäufigkeit, der Lebenserwartung und der Migration differenziert,
ferner nach Varianten mit und ohne Aids.
Der Hauptgrund für den Übergang vom Wachstum in die Schrumpfung der
Weltbevölkerung - trotz der zunehmenden Lebenserwartung - ist der Rückgang der
Geburtenrate. Sie nahm seit 1950 von fünf Geburten pro Frau im Weltdurchschnitt
auf jetzt 2,7 ab, davon 2,9 in den Entwicklungsländern und 1,6 in den
Industrieländern.

Das grobmaschige soziale Netz als Grund
Der seit Jahrzehnten beobachtete Rückgang der Geburtenzahl pro Frau bei
gleichzeitig steigenden absoluten Geburtenzahlen - infolge der wachsenden Größe
der nachrückenden Frauengenerationen - folgte einer paradoxen Regel: Je höher
Stand und Tempo der sozioökonomischen Entwicklung in einem Land waren, desto
niedriger die Geburtenrate.
Die zweihundert Länder der Welt näherten sich dem Ziel einer niedrigen
Geburtenrate wie die Schiffe eines langen Geleitzuges, angeführt von Deutschland
mit der niedrigsten und gefolgt von den Schwellenländern mit mittleren und den
ärmsten Ländern mit der höchsten Geburtenrate, darunter beispielsweise Angola
oder Niger mit sieben beziehungsweise acht Geburten pro Frau. Eine Ausnahme
dieser Regel bilden die Vereinigten Staaten mit ihrer hohen Geburtenrate von
zwei Kindern je Frau. Neben dem Nationalstolz dürfte dafür das grobmaschige
soziale Netz ursächlich sein: Hilfe in Notfällen leistet letztlich die eigene
Familie, nicht der Staat.
Die frühesten, die meisten und die meisten
Gibt es einen niedrigsten Wert für die Geburtenrate oberhalb von Null? Sind es
1,2 Geburten pro Frau wie in Spanien und Italien? In Oberitalien und Nordspanien
werden rund 0,8 Kinder pro Frau registriert, der heutige Landesdurchschnitt
könnte also noch weiter sinken, zumal er in osteuropäischen Ländern wie Lettland
(1,1), Rußland (1,14) oder der Ukraine (1,15) bereits unter dem südeuropäischen
liegt.
Deutschland hält drei demographische Weltrekorde. Erstens: Es ist das Land, in
dem die Bevölkerungsschrumpfung infolge der niedrigen Geburtenrate am frühesten
begann, in den alten Bundesländern ab 1972; in der DDR begann die Bevölkerung ab
1969 zu schrumpfen.
Zweitens: Die Geburtenrate beträgt bei der deutschen Bevölkerung zwar wie in
Spanien und Italien etwa 1,2 Geburten pro Frau, bei der zugewanderten rund 1,9
und im Durchschnitt, ähnlich wie in anderen Ländern, 1,3 bis 1,4 Geburten, aber
der Grund für das niedrige Niveau ist ein besonderer: Der weltweit einmalig hohe
Anteil der Frauen und Männer an einem Jahrgang, die zeitlebens kinderlos
bleiben, lieg hierzulande bei etwa einem Drittel.
Drittens: Stärker als in anderen Industrieländern werden fehlende Geburten durch
Einwanderungen ersetzt: Schon vor dem Zusammenbruch des Ostblocks und der
anschließenden starken Zuwanderung nahm Deutschland deutlich mehr Zuwanderer auf
als vergleichbare Länder: Auf 100.000 Einwohner bezogen, betrug die jährliche
Zahl der Zuwanderungen zum Beispiel in den achtziger Jahren des vorigen
Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten 245, in Kanada 479, in Australien 694
und in Deutschland (alte Länder) 1022. Desinformation und Desinteresse haben zu
einem falschen Selbstbild geführt: Deutschland ist weltoffener als andere
Länder.
Vier Größen bestimmen die Bevölkerungszahl. Die Geburten: In Deutschland werden
pro Jahr etwa 700.000 registriert. Die Zuwanderungen: Hier liegen wir jährlich
bei etwa 800.000. Die Sterbefälle: Das sind rund 850.000. Und die Abwanderungen
ins Ausland: Etwa 600.000 sind es hierzulande. Deutschland hat seit langem also
mehr Zuwanderungen pro Jahr als Geburten im Inland.
2. Lektion: Die Logik der Trägheit
Die Zukunft ist zwar unbekannt, aber die Auswirkungen möglicher oder
absehbarer Änderungen der demographisch relevanten Verhaltensweisen auf die
Bevölkerungsentwicklung eines Landes oder der Welt insgesamt lassen sich mit
großer Genauigkeit berechnen.
Wenn beispielsweise die Geburtenzahl pro Frau im Weltdurchschnitt ihre seit
einem halben Jahrhundert beobachtete Abnahme noch beschleunigt, wird das
bestandserhaltende Niveau von 2,13 Geburten je Frau schon um 2010 erreicht. Dann
würde das Weltbevölkerungswachstum jedoch nicht ebenfalls schon im Jahr 2010
enden, sondern erst im Jahr 2050 auf einem Niveau von rund 8 Milliarden im
Vergleich zu 6,4 Milliarden heute.
Rechenbeispiele
Der Grund für die Reaktionsverzögerung wird in der Demographie mit den
Begriffen „Schwung“, „Eigendynamik“ oder „Momentum“ bezeichnet. Ihre Ursache
liegt darin, daß die Abnahme der Geburtenzahl pro Frau in einem bestimmten Jahr
keinen Einfluß auf die Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter hat, die in diesem
Jahr Kinder bekommen können. Da die Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter (15
bis 45 Jahre) aufgrund der größer werdenden nachrückenden Jahrgänge um mehrere
hundert Millionen wächst, steigt die absolute Geburtenzahl trotz abnehmender
Geburtenzahl pro Frau zunächst noch weiter.
Wenn dagegen die Geburtenzahl pro Frau im bisherigen Tempo abnimmt, ohne daß
sich die Abnahme beschleunigt, fällt die Geburtenzahl pro Frau von 2,7 heute auf
2,1 im Jahr 2040 und nicht schon 2010. Dann wird der Gipfel der Weltbevölkerung
statt 2050 erst im Jahr 2070 mit rund 9 Milliarden erreicht. Aus der Vielzahl
der Berechnungsvarianten sei noch ein weiteres Beispiel herausgegriffen: Wenn
sich die Abnahme der Geburtenrate leicht verlangsamt und das bestandserhaltende
Niveau erst 2080 erreicht wird, endet das Weltbevölkerungswachstum erst im Jahr
2110 auf einem Niveau von 11,6 Milliarden.
Unterschiedliche Abnahmetrends
Diese Ergebnisse beruhen auf Annahmen über die Zunahme der Lebenserwartung
und die Abnahme der Mortalität. Die Vorausberechnungen werden nach Altersjahren
oder -gruppen sowie zusätzlich nach Geschlecht untergliedert. Deshalb lassen
sich die bei den Altersgruppen meist unterschiedlichen Abnahmetrends der
Mortalität berücksichtigen. Würde sich beispielsweise die Säuglings- und
Kindersterblichkeit nicht, wie in den meisten Weltbevölkerungsvorausberechnungen
unterstellt, bis zur Jahrhundertmitte halbieren, sondern plötzlich um fünfzig
Prozent zunehmen, so käme das Wachstum der Weltbevölkerung trotzdem nicht zum
Stillstand, sondern die oben angegebenen Zahlen für das Maximum wären um etwa
300 Millionen niedriger.
Das Fazit derartiger Analysen ist: Die Änderung der Geburtenrate um einen
bestimmten Prozentsatz wirkt sich um ein vielfaches stärker auf das
Bevölkerungswachstum aus als eine gleich große Änderung der Lebenserwartung. Aus
diesem Grund geht das Bevölkerungswachstum durch Aids nur in den am stärksten
betroffenen Ländern Afrikas - Botswana und Südafrika - in den nächsten Jahren in
die Bevölkerungsschrumpfung über. Für Afrika insgesamt sind die Prognosen bis
2050 mit Aids um fünfzehn Prozent niedriger als ohne.
Zukunftsmusik
Der jährliche Anstieg der Weltbevölkerung nahm seit den fünfziger Jahren des
letzten Jahrhunderts bis zur Mitte der achtziger Jahre von 47 Millionen auf ein
Maximum von 87 Millionen zu, seitdem fiel er auf 77 Millionen im Zeitraum von
2000 bis 2005. Davon entfällt der größte Teil auf Indien (16 Millionen) und der
zweitgrößte auf China (9,4 Millionen). Der Bevölkerungszuwachs eines einzigen
Jahres in Indien ist so groß wie die Bevölkerungsabnahme in Deutschland durch
sämtliche Geburtendefizite bis 2040. Die Vorstellung, daß die
Bevölkerungsschrumpfung in Deutschland und anderen entwickelten Ländern positiv
zu bewerten sei, weil sie das Wachstum in den armen Ländern kompensiert, ist
naiv.
Spiegelbildlich zum Fall des Bevölkerungswachstums verläuft die
Bevölkerungsschrumpfung in entwickelten Ländern wie Deutschland. Die im
Geburtenrückgang der vergangenen drei Jahrzehnte nicht geborenen Kinder fehlen
jetzt als potentielle Eltern, deshalb muß die jährliche Geburtenzahl in den
nächsten Jahrzehnten immer weiter abnehmen, selbst wenn die Kinderzahl pro Frau
in Zukunft moderat zunähme, erst recht, wenn sie konstant bliebe oder sich
verringerte. Ähnlich ist es in anderen Ländern: Vorausberechnungen für die
fünfzehn Mitgliedsländer der früheren EU ergeben unter der Annahme einer
konstanten beziehungsweise leicht zunehmenden Geburtenzahl pro Frau von 1998 bis
2050 eine Bevölkerungsabnahme von 375 auf 296 Millionen. Gleichzeitig wächst die
Bevölkerung in den südlichen Anrainerstaaten des Mittelmeers - von Marokko über
Algerien, Tunesien bis zur Türkei - selbst unter der Annahme abnehmender
Geburtenzahlen pro Frau von 236 auf 394 Millionen, darunter allein in der Türkei
von 67 auf 98 Millionen.
3. Lektion: Was taugen Prognosen?
Katastrophen sind außen vor
Wer behauptet, man könne die Zukunft nicht vorhersagen, weil der Ausbruch
einer neuen Seuche oder der Einschlag eines Meteoriten jede Vorausberechnung
über den Haufen werfen kann, hat recht. Aber was, wenn Extremereignisse dieser
Art ausbleiben, was ja viel wahrscheinlicher ist? Wissenschaftliche Prognosen
beanspruchen nicht, das Auftreten überraschender Ereignisse prognostizieren zu
können, trotzdem sind sie sehr nützlich, denn sie betreffen den Normalfall. Alle
seriösen Prognosen haben die Form von Wenn-dann-Aussagen über die Zukunft, wobei
in den Wenn-Bedingungen große Katastrophen ebenso wie Wunder sinnvollerweise
ausgeschlossen werden.
Wissenschaftliche Bevölkerungsprognosen beruhen auf Annahmen über das
Fortpflanzungsverhalten in der Zukunft - gemessen durch die Zahl der
Lebendgeborenen pro Frau -, ferner auf Annahmen über die Lebenserwartung -
gemessen durch die stark vom Alter abhängigen Sterbewahrscheinlichkeiten - sowie
auf Annahmen über die Zahl und Altersstruktur der Ein- und Auswanderungen.
Deshalb ist die Qualität einer Bevölkerungsprognose identisch mit der ihrer
Annahmen. Stimmen die Annahmen mit der Realität genau oder näherungsweise
überein, trifft auch die Bevölkerungsprognose exakt oder näherungsweise zu.
Bevölkerungsprognosen sind zuverlässig
Die Vorausberechnungen gehen von einem bestimmten Basisjahr aus und ermitteln
für jede Altersgruppe getrennt, wie sich ihre Größe durch Sterbefälle und
Geburten sowie durch Ein- und Auswanderungen innerhalb des ersten Prognosejahres
verändert. Das Ergebnis dient als Ausgangspunkt für die Berechnungen im zweiten
Prognosejahr et cetera. Sämtliche Ergebnisse einer Bevölkerungsprognose stecken
voll und ganz in den Annahmen.
Bevölkerungsprognosen sind zuverlässiger als Prognosen über die
wirtschaftliche Entwicklung, weil die künftigen Bevölkerungszahlen in erster
Linie von der Größe der verschiedenen Altersgruppen in der bekannten
Bevölkerungspyramide abhängen und erst in zweiter Linie vom Verhalten der
Menschen, das sich ändern kann. Aber auch die sich ändernden Verhaltensweisen
lassen sich analysieren und die dabei festgestellten Regelmäßigkeiten bei den
Annahmen berücksichtigen. Der Unterschied zwischen dem Einfluß der
Altersstruktur und dem der Verhaltensweisen läßt sich vergleichen mit dem
ziemlich sicher prognostizierbaren Wechsel der Jahreszeiten und den
kurzfristigen Wetterprognosen. Eine Aussage über die Temperatur in einigen
Monaten, wenn auf den Sommer der Winter gefolgt sein wird, kann genauer sein als
eine Prognose über die Temperatur in der nächsten Woche. Dabei spielen die in
Deutschland besonders hohen Einwanderungen, die etwa von unvorhersehbaren
Kriegsausbrüchen in anderen Ländern abhängen, eine analoge Rolle wie
überraschende Temperaturänderungen bei Wetterprognosen.
"Population Prospects" der UN
Je nach dem angestrebten Zweck einer Bevölkerungsvorausberechnung
unterscheidet man Bevölkerungsprognosen von Bevölkerungsprojektionen und
Modellrechnungen. Bei einer Bevölkerungsprognose wird versucht, die Annahmen so
zu setzen, daß die Wahrscheinlichkeit des Eintreffens der Prognose maximal und
der Fehler so gering wie möglich ist. Das Ziel einer Bevölkerungsprojektion ist
bescheidener, es besteht nicht in einer punktgenauen Vorausberechnung, sondern
in der Berechnung eines Prognoseintervalls, bestehend aus einer oberen und
unteren Variante, meist ergänzt durch eine mittlere. Zu diesem Typ zählen fast
alle Bevölkerungsvorausberechnungen, auch die des Statistischen Bundesamtes und
die des Verfassers. Als bloße „Modellrechnungen“ werden Vorausberechnungen
bezeichnet, die nur die aus unterschiedlichen Geburtenraten, Lebenserwartungen
und Wanderungen folgenden demographischen Zustände ermitteln sollen.
Ein besonderer Fall sind die "Population Prospects" der Bevölkerungsabteilung
der UN für die rund zweihundert Länder der Welt. Die Annahmen werden dabei meist
optimistischer gesetzt, als es der Erfahrung entspricht. Die Annahmen über einen
raschen Rückgang der Geburtenraten in den Entwicklungsländern oder einen Anstieg
in den Industrieländern nehmen den Erfolg einer wirksamen Entwicklungs- und
Bevölkerungspolitik vorweg, obwohl nicht sicher ist, daß eine solche Politik
durchgeführt wird. Im Hinblick auf ihren Zielcharakter wird dieser Typ im
Deutschen als "Zielprojektion" bezeichnet.
Weniger als zwei Prozent Fehler
Die Weltbevölkerungsprojektionen der UN aus den fünfziger Jahren des letzten
Jahrhunderts für das Jahr 2000, also für fast ein halbes Jahrhundert, haben
einen Fehler von weniger als zwei Prozent. Für die einzelnen Länder ist der
Fehler wegen der schwer prognostizierbaren Wanderungsströme größer, aber für
einen Zeitraum von zehn Jahren liegt er für Deutschland dennoch nur im
Promillebereich. Für Regionen und einzelne Gemeinden ist der Fehler größer, weil
dann auch die Wanderungen zwischen den Regionen des gleichen Landes
berücksichtigt werden müssen.
4. Lektion: Deutschlandbericht
Unter den zahllosen Auswirkungen der demographischen Entwicklung auf die
Renten-, Kranken-, und Pflegeversicherung, die Arbeits- und Wohnungsmärkte, die
Auslastung der kommunalen Infrastruktur und die öffentlichen Finanzen etc. sind
in Deutschland die negativen Folgen für das Wirtschaftswachstum besonders
nachhaltig und gefährlich.
Durch die Bevölkerungsschrumpfung und die demographische Alterung verringert
sich die Wachstumsrate des Volkseinkommens, was einen großen Verlust an
Einkommen und einen entsprechenden Ausfall an Steuereinnahmen bedeutet. Die
negativen wirtschaftlichen Konsequenzen haben ihrerseits einen ungünstigen
Einfluß auf die Geburtenrate, so daß sich die Ursache der demographischen
Probleme - die niedrige Geburtenrate - durch deren Folgen noch verstärkt.
Gesundheitlicher Ausleseeffekt der Migration
Diese Einflüsse müssen und können bei Bevölkerungsprognosen einbezogen
werden, indem ihre Wirkungen auf die Kinderlosigkeit der nachwachsenden
Jahrgänge und auf die Wahrscheinlichkeit für die Geburt erster, zweiter sowie
dritter und weiterer Kinder bei der Annahmensetzung für die künftige
Geburtenrate berücksichtigt werden.
Die Geburtenzahl pro Frau ist regional unterschiedlich, sie schwankt zwischen
1,9 im Landkreis Cloppenburg und 0,9 in Heidelberg. Bei den Deutschen beträgt
sie 1,2, bei den Zugewanderten 1,9, in den alten Bundesländern 1,4 und in den
neuen 1,1. Die Lebenserwartung differiert weitaus weniger, wobei die
Zugewanderten durch den gesundheitlichen Ausleseeffekt der Migration
wahrscheinlich eine höhere Lebenserwartung haben als die einheimische
Bevölkerung.
Scherenartiger Verlauf
Die Hauptergebnisse einer nach Bevölkerungsgruppen differenzierten
Bevölkerungsprognose sind:
Die demographische Entwicklung verläuft scherenartig, gleichzeitig zur
Bevölkerungsexplosion bei den älteren vollzieht sich eine Bevölkerungsimplosion
der mittleren und jüngeren Altersgruppen:
Die Zahl der über Sechzigjährigen nimmt bis 2050 um rund zehn Millionen zu,
gleichzeitig schrumpft die der Zwanzig- bis Sechzigjährigen trotz eines
angenommenen Einwanderungsüberschusses von etwa 170.000 jüngeren Menschen pro
Jahr um rund 16 Millionen. Die Zahl der unter Zwanzigjährigen nimmt um acht
Millionen ab, die der Geburten geht bis 2050 von 700.000 auf 440.000 zurück.
Insgesamt schrumpft die Bevölkerung von 82 auf 68 Millionen Bürger.
Staatsbürgerschaftswechsel beachten
Wie bei jeder Krise gibt es Gewinner und Verlierer. Baden-Württemberg und
Bayern haben durch Einwanderungsüberschüsse und durch die Binnenwanderungen
innerhalb Deutschlands von Ost nach West und von Nord nach Süd noch bis etwa
2020 Bevölkerungszuwächse, die besonders in den neuen Bundesländern um so
stärkere Bevölkerungsrückgänge bewirken.
Die zugewanderte Population wächst bis 2050 durch ihre Geburtenüberschüsse
und durch weitere Einwanderungen auf 19 Millionen, gleichzeitig schrumpft die
deutsche Bevölkerung infolge von Geburtendefiziten auf 49 Millionen, wobei
Staatsbürgerschaftswechsel beachtet werden müssen. Bei den unter Vierzigjährigen
werden die Zugewanderten in vielen Großstädten ab 2010 einen Anteil von fünfzig
Prozent erreichen, nur bei den Älteren bleiben die Deutschen in allen Regionen
in der Mehrheit.
Demographische Schrumpfung
Die demographische Alterung beruht in wesentlich stärkerem Maße auf der
niedrigen Geburtenrate und der dadurch bewirkten abnehmenden Zahl der jüngeren
und mittleren Altersgruppen als auf der Zunahme der Lebenserwartung, für die ein
Plus von sechs Jahren bis 2050 erwartet wird. Heute ist die Zahl der über
Sechzigjährigen etwa gleich groß wie die der unter Zwanzigjährigen, im Jahr 2050
ist sie dreimal so hoch. Die Zahl der mehr als Achtzigjährigen verdreifacht sich
von drei auf rund zehn Millionen.
Wesentlich für die demographische Schrumpfung ist, daß sie automatisch eine
demographische Alterung nach sich zieht, die irreversibel ist; wegen der
niedrigen Geburtenrate ist eine Schrumpfung ohne Alterung in Deutschland nicht
möglich. Der Altenquotient, also die Zahl derjenigen über sechzig im Verhältnis
zu den Zwanzig- bis Sechzigjährigen, steigt bis 2050 von 42 auf 80 bis 90:
Wollte man den Anstieg durch Einwanderungen Jüngerer verhindern, müßten
rechnerisch bis 2050 188 Millionen Menschen netto zuwandern.
Modellrechnung nicht Prognose
Das Statistische Bundesamt kommt zu ähnlichen Ergebnissen, doch wird selbst
die unterste der vorgelegten zehn Varianten schon von der tatsächlichen
Entwicklung unterschritten. Die Berechnungen des Statistischen Bundesamtes
reichen bis 2050, die oben referierten des Verfassers bis zum Ende des
Jahrhunderts.
Die Zahlen für die Zeit nach 2050 sind dabei als Ergebnisse von
Modellrechnungen zu verstehen, nicht als Prognosen. Wichtig ist, daß die
Bevölkerungsschrumpfung nicht bei runden Zahlen wie 2050 auf einem niedrigeren
Niveau endet, sondern sich auch noch im 22. Jahrhundert fortsetzt, wenn sich die
Geburtenrate nicht erhöht oder immer größere Einwanderungsströme das wachsende
Geburtendefizit kompensieren.
5. Lektion: 100 Jahre Geburtenrückgang

Es wäre viel gewonnen, wenn sich in Deutschland herumspräche: Nicht die
zunehmende Zahl betagter Menschen, sondern die schrumpfende Zahl der nachwachsenden
Jüngeren ist die Hauptursache der demographischen Alterung und ihrer
kettenartigen Folgeprobleme.
Denn selbst wenn die Lebenserwartung der Deutschen wider alle Erfahrung ab
heute konstant bliebe, würde sich die Relation aus der Zahl der über
Sechzigjährigen zu den Zwanzig- bis Sechzigjährigen - der wichtigste Maßstab der
Alterung, also der Altenquotient, bis 2050 verdoppeln.
Säkulare Nachwuchsbeschränkung
Der Geburtenrückgang als Auslöser des Dominoeffekts der demographisch
bedingten Probleme ist ein altes Phänomen. Er begann im neunzehnten Jahrhundert,
und er ist zu Beginn des einundzwanzigsten nicht zu Ende. Wir stehen vielmehr am
Anfang eines neuen Geburtenrückgangs, weil die in den letzten dreißig Jahren
Nichtgeborenen auch bei der besten Familienpolitik jetzt keine Kinder und diese
keine Enkel zur Welt bringen werden.
Die „säkulare Nachwuchsbeschränkung“ (Hans Linde) vollzog sich seit über
einhundert Jahren parallel zur Industrialisierung: Beim Frauenjahrgang 1860
kamen im Durchschnitt fünf Kinder auf eine Frau, beim Jahrgang 1874 vier und bei
den 1881 Geborenen drei. Bereits der Jahrgang 1904 hatte nur zwei. Abweichend
von diesem Trend stieg die durchschnittliche Kinderzahl der um 1932 Geborenen
auf knapp über zwei an, aber es blieb bei dieser Ausnahme, danach setzte sich
die Talfahrt bis zum Jahrgang 1965 auf 1,5 fort. Die hohen Kinderzahlen der um
1932 geborenen Eltern bildeten den „Nachkriegs-Babyboom“ mit dem Geburtenmaximum
von 1964 bei 1,36 Millionen Kindern. Da die Verhaltensweisen und
Wertvorstellungen der um 1932 Geborenen teilweise in der Epoche vor dem Ende des
Zweiten Weltkriegs geprägt wurden, muß der Nachkriegs-Babyboom auch als ein
Phänomen der Vorkriegsepoche interpretiert werden.
Je höher das Pro-Kopf-Einkommen, desto niedriger ist die Geburtenrate
Für diese Sichtweise spricht, daß der Anstieg der Geburtenrate zwischen 1945
und 1964 und der anschließende, als „Pillenknick“ bezeichnete steile Absturz in
der DDR und in der alten Bundesrepublik trotz der unterschiedlichen
Gesellschaftssysteme nahezu parallel verlief. Die DDR versuchte durch eine
forcierte, geburtenfördernde Politik gegenzusteuern, und sie war zunächst
erfolgreich. Die Geburtenrate stieg vorübergehend fast auf zwei Kinder je Frau,
aber bereits Jahre vor der Wiedervereinigung glich sich die Kinderzahl wieder
dem niedrigen Niveau im Westen Deutschlands (1,4) an.
Durch die Wiedervereinigung vervielfachten sich die realen Pro-Kopf-Einkommen
in den neuen Bundesländern, und also auch die in der Demographie als
„Opportunitätskosten von Kindern“ bezeichneten entgangenen Einkommen, auf die
eine Frau verzichtete, wenn sie nicht erwerbstätig war, um Kinder zu erziehen.
Die Wiedervereinigung läßt sich wie ein gesellschaftliches Experiment auswerten,
das die als „demographisch-ökonomisches Paradoxon“ bezeichnete Regel bestätigt:
Je höher das Pro-Kopf-Einkommen, desto stärker wirken sich die
„Opportunitätskosten“ von Kindern aus und desto niedriger ist die Geburtenrate.
Die Geburtenrate fiel in den neuen Ländern auf ein Minimum von 0,8 im Jahr 1994,
seitdem nähert sie sich von unten dem Niveau im Westen.
Kinderbetreuungseinrichtungen wären nicht ausreichend
Kennzeichnend für unsere Gesellschaft ist der auf Frauen wirkende Zwang, sich
zwischen Erwerbs- und Familienarbeit entscheiden zu müssen. Das Problem ließe
sich durch gute, staatliche Betreuungseinrichtungen für Kinder ab dem
Vorschulalter mildern, aber das wäre keine Garantie für einen Anstieg der
Geburtenrate beispielsweise auf ein Niveau wie in Frankreich, wobei die nicht
eingewanderten Französinnen im Durchschnitt nur 1,7 und die eingewanderten 2,8
Kinder haben, so daß sich ein Landesdurchschnitt von 1,9 ergibt.
Kinderbetreuungseinrichtungen wären sinnvoll, aber wahrscheinlich nicht
ausreichend, denn damit wären die familienfeindlichen Wirkungen unseres sozialen
Sicherungssystems nicht beseitigt, bei dem Menschen ohne Kinder nahezu die
gleichen Versorgungsansprüche erwerben wie Eltern, obwohl sie nur die monetären
Beiträge und nicht die viel wichtigeren „generativen“ in Form der Erziehung von
künftigen Beitragszahlern leisten.
Gegenläufiger Zusammenhang zwischen der Geburtenrate und der
Frauenerwerbsquote
Im Bewußtsein der Öffentlichkeit wird die vom Bundesverfassungsgericht in
mehreren Urteilen festgestellte grundgesetzwidrige Ausbeutung von Menschen mit
Kindern zugunsten der Kinderlosen als Kernproblem von drittrangigen Themen
verdrängt, vor allem durch die ständig wiederholte, unbelegte These, daß die
Geburtenrate im internationalen Vergleich um so höher sei, je höher die
Frauenerwerbsquote ist.
Dabei ist ein Vergleich der Regionen des gleichen Landes wesentlich
aussagekräftiger, weil sich dann die Einflüsse der unterschiedlichen
Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme der miteinander verglichenen Länder nicht
störend auswirken können. Bei einem Vergleich von Regionen in Deutschland zeigt
sich der zu erwartende gegenläufige Zusammenhang zwischen der Geburtenrate und
der Frauenerwerbsquote statt des behaupteten gleichläufigen.
Ökonomische und familienbezogene Tugenden stehen im Gegensatz
Das Ergebnis des Regionalvergleichs ist plausibel, denn unser von Konkurrenz
und Wettbewerb beherrschtes Gesellschaftssystem verlangt von den Menschen eine
hohe Anpassungsbereitschaft an die Erfordernisse des Arbeitsmarktes in Form von
beruflicher, räumlicher und biographische Mobilität.
Diese für ein hohes Produktivitäts- und Einkommensniveau wichtigen
ökonomischen Tugenden der Mobilität stehen im Gegensatz zu den familienbezogenen
Tugenden der unbedingten Verläßlichkeit und Stabilität menschlicher Beziehungen
- den Voraussetzungen für die innere Bindung an einen Partner und für die
Übernahme einer langfristigen Verantwortung für Kinder durch Elternschaft. Die
zur Gründung einer Familie notwendigen langfristigen Festlegungen im Lebenslauf
vertragen sich schlecht mit den Mobilitätsansprüchen unserer modernen, auf
Dynamik angelegten Zivilisation.
6. Lektion: Mängel der
Sozialversicherung
Was würde geschehen, wenn die Bevölkerung aus der gesetzlichen Renten-,
Kranken- und Pflegeversicherung austreten und sich unter Beibehaltung des
Umlageverfahrens in einem neuen Verein zusammenschließen könnte? Der Verein
würde die Versorgungsansprüche der Rentner, Kranken und Pflegebedürftigen und
die Beitragssätze nach der Kinderzahl staffeln, alles andere würde als ungerecht
empfunden und abgelehnt werden.
Das Bundesverfassungsgericht kam in seinem
Urteil zur Pflegeversicherung (3.
März 2001) zum gleichen Ergebnis: Durch unser umlagefinanziertes System werden
Menschen ohne Kinder in verfassungswidriger Weise bevorzugt, weil sie, so das
Gericht, die gleichen Versorgungsansprüche wie Menschen mit Kindern erwerben,
obwohl sie nur den monetären, nicht aber den vom Gericht sogenannten
„generativen“ Beitrag in Form der Erziehung künftiger Beitragszahler leisten -
die entscheidende Voraussetzung für das Funktionieren des umlagefinanzierten
Systems. Dieser Sachverhalt läßt sich auf die Formel bringen: Von Kindern
profitiert, wer keine hat.
Ungünstige Altersstruktur
Ob und wie gut die heutigen Beitragszahler im Alter und im Falle von
Krankheit und Pflegebedürftigkeit in Zukunft einmal versorgt werden können,
hängt entscheidend vom zahlenmäßigen Verhältnis der nicht mehr Erwerbstätigen
und der noch nicht Erwerbstätigen zur mittleren Altersgruppe ab, technisch
ausgedrückt von der Summe aus dem Jugendquotient und dem Altenquotient. Je höher
diese Summe, desto größer ist die Versorgungslast pro Erwerbstätigem
beziehungsweise desto niedriger das mögliche Versorgungsniveau.
Mit fallender Geburtenrate nimmt der Altenquotient zu und der Jugendquotient
ab. Bei welcher Geburtenrate ist die Summe aus beiden minimal? Die mathematisch
beweisbare Antwort lautet: In Ländern mit hoher Lebenserwartung wie Deutschland
ist die Versorgungslast pro Kopf eines Beitragszahlers bei einer Geburtenrate
von etwa zwei Kindern je Frau am niedrigsten. Aber selbst wenn die Geburtenrate
wieder auf die belastungsminimale Zahl von zwei Kindern stiege, dauerte es
Jahrzehnte, bis sich eine günstigere Altersstruktur herausgebildet hat. Deshalb
wird es den Deutschen nicht erspart bleiben, bis zur Jahrhundertmitte mit einer
sich ständig verschlechternden Altersstruktur zu leben. Könnte man alle
Arbeitslosen sofort zu beitragszahlenden Erwerbstätigen machen, wären die
Probleme der Sozialversicherung zwar vorübergehend entschärft, aber nicht
nachhaltig gelöst.
Pest und Cholera
Am Beispiel der gesetzlichen Rentenversicherung läßt sich die Größe der
Reformaufgaben veranschaulichen. Die Wurzel des Problems ist der Anstieg des
Altersquotienten um den Faktor zwei bis drei bis zur Jahrhundertmitte. Die
Konsequenz ist, daß der heute schon zu hohe Beitragssatz bei Beibehaltung des
jetzigen Rentenniveaus - also dem Verhältnis der Durchschnittsrenten zum
Durchschnittseinkommen - entweder auf mehr als das Doppelte steigen oder das
Rentenniveau bei unverändertem Beitragssatz auf weniger als die Hälfte gesenkt
werden müßte: eine Wahl zwischen Pest und Cholera oder einer Mixtur aus beiden.
Wollte man den Anstieg des Altenquotienten - die Konsequenz der niedrigen
Geburtenrate - durch die Einwanderung Jüngerer stoppen, müßten
188 Millionen
Menschen bis 2050 netto nach Deutschland ziehen, Arbeit finden und Beiträge
zahlen. Eine andere, ebenfalls nur theoretische Möglichkeit wäre die Anhebung
des Ruhestandsalters auf 73 Jahre. Bei der Reform der gesetzlichen Kranken- und
Pflegeversicherung kommt die Anhebung des Ruhestandsalters nicht einmal als
theoretische Lösung in Betracht, weil die mit der Alterung stark zunehmenden
Pro-Kopf-Kosten für Gesundheit und Pflege durch eine Anhebung des
Ruhestandsalters nicht zu beeinflussen sind.

Permanente gesellschaftspolitische Großbaustelle
Da die Pro-Kopf-Kosten für die Gesundheit der Älteren das Acht- bis Zehnfache
der Pro-Kopf-Kosten eines Zwanzigjährigen betragen, nehmen die
Gesundheitsausgaben in den nächsten fünf Jahrzehnten mit dem steigenden
Durchschnittsalter kontinuierlich zu. Gleichzeitig geraten die Einnahmen der
gesetzlichen Krankenversicherung unter Druck, weil die Zahl der Beitragszahler
demographisch bedingt stark schrumpft. Als Konsequenz müßte der Beitragssatz von
vierzehn auf etwa 25 Prozent erhöht werden - eine Unmöglichkeit. Ebenso
ausgeschlossen ist die Alternative, den Leistungskatalog drastisch zu
reduzieren. Fazit: Die Reform der gesetzlichen Krankenversicherung ist
wesentlich schwieriger als die der Rentenversicherung.
Das demographische Zahlenwerk der Rentenreform Norbert Blüms beruhte auf der
grotesken Annahme, daß die Lebenserwartung vom 1. Januar 2000 an in Deutschland
konstant bleibt. Die Öffentlichkeit hat diese Absurdität nicht registriert. In
der Rentenreform Walter Riesters wurde dieser Fehler vermieden, trotzdem geht
diese Reform nicht weit genug, um die drohenden Versorgungsengpässe zu
vermeiden. Ähnlich wird wahrscheinlich einmal die Lage nach der Reform der
Kranken- und Pflegeversicherung zu beurteilen sein. Der demographisch bedingte
Problemdruck wird sich in den nächsten zehn Wahlperioden mit der irreversiblen
demographischen Alterung kontinuierlich verstärken und Deutschland in eine
permanente gesellschaftspolitische Großbaustelle verwandeln.

7. Lektion: Standortfaktor Bevölkerung
Das Wachstum einer Volkswirtschaft speist sich aus drei Quellen, darunter das
Wachstum des Arbeitskräftepotentials und das des Produktionskapitals.
Die erste der beiden Quellen ist in Deutschland, demographisch bedingt,
versiegt. Als eine Folge davon wird auch die zweite schwächer, weil zuwenig
investiert und Produktionskapital ins Ausland verlagert wird. Gäbe es nicht eine
dritte Quelle - Volkswirte bezeichnen sie mit dem Begriff technischer
Fortschritt -, läge die Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts, die nur noch
zwischen ein und zwei Prozent beträgt, bei null.
Lange Produktionskette
In demographisch schrumpfenden Ländern wie Deutschland wurde der
wissenschaftliche und technische Fortschritt zur einzigen Quelle des Wohlstands.
Er ist das Ergebnis einer langen Produktionskette, die in den Familien bei der
Erziehung lernfähiger Kinder beginnt, sich in den Schulen und Universitäten
fortsetzt und schließlich in den Betrieben in Form qualitätsvoller Produkte
manifestiert.
Der technische Fortschritt wird in Deutschland, demographisch bedingt,
nachhaltig gebremst, weil die wichtige Gruppe der Zwanzig- bis Vierzigjährigen
als Träger des neuen Ausbildungskapitals auf Jahrzehnte hinaus um
Hunderttausende pro Jahr abnimmt, trotz der hohen Zahl der Zuwanderer, von denen
die meisten zu dieser Altersgruppe gehören.
Große Anstrengungen nötig
Die Pisa-Studien haben gezeigt, daß die qualitative Seite dieses Vorgangs
ebenso besorgniserregend ist wie die quantitative. Da die Kinder der
Zugewanderten in den Schulen wesentlich schlechter abschneiden als die
Deutschen, während sich ihr quantitativer Anteil erhöht, bedarf es großer
Anstrengungen, um die negativen demographischen Wirkungen auf das
Ausbildungsniveau wenigstens auszugleichen.
Weniger Arbeitskräfte benötigen weniger Arbeitsplätze. Die Arbeitslosenzahlen
müßten also eigentlich, demographisch bedingt, zurückgehen. Eine demographische
Entlastung des Arbeitsmarktes ist jedoch, wenn überhaupt, erst nach 2010 zu
erwarten, weil die Schrumpfung der Gruppe der Zwanzig- bis Vierzigjährigen bis
dahin noch vom Wachstum der Vierzig- bis Sechzigjährigen ausgeglichen wird, die
als schwer vermittelbar gelten. Erst danach schrumpft auch die Gruppe der
Vierzig- bis Sechzigjährigen. Aber auch dann ist nicht sicher, daß sich die
Massenarbeitslosigkeit deutlich verringert.
Geringerer Bedarf an Arbeitskräften
Zweifel sind angebracht, weil erstens das Pro-Kopf-Einkommen nur noch schwach
zunimmt und zweitens ein immer größerer Teil des Einkommens für den Aufbau von
privat finanzierten Zusatzversicherungen in Ergänzung zur gesetzlichen Renten-,
Kranken- und Pflegeversicherung ausgegeben werden muß, so daß sich die
volkswirtschaftliche Nachfrage sowie die Produktion und damit auch der Bedarf an
Arbeitskräften verringert.
Gegen diese pessimistischen Überlegungen wird die wachsende Produktivität der
Wirtschaft ins Feld geführt. Es trifft zu: Wenn die Produktivität durch den
technischen Fortschritt beispielsweise jährlich um 1,5 Prozent wächst, was
durchaus erreichbar ist, verdoppelt sie sich bis 2050, so daß auch die realen
Pro-Kopf-Einkommen bis 2050 auf das Doppelte zunehmen können.
Zehn Millionen mehr Sechzigjährige

Da aber die für die Erwerbspersonenzahl wichtige Altersgruppe der Zwanzig-
bis Sechzigjährigen - trotz angenommener hoher Einwanderungen - bis 2050 um 16
Millionen abnimmt, steigt das Sozialprodukt auch bei doppelter Produktivität
nicht auf das Doppelte, sondern nur um ein Drittel. Gleichzeitig nimmt die Zahl
der über Sechzigjährigen um 10 Millionen zu. Zu deren Versorgung muß von dem nur
um ein Drittel höheren Sozialprodukt ein doppelt so hoher Prozentsatz verwendet
werden wie heute. Fazit: Selbst wenn sich die Produktivität und das reale
Pro-Kopf-Einkommen verdoppeln, nimmt das für den Konsum der Erwerbstätigen
verfügbare Einkommen um weit weniger als das Doppelte zu.
Die Bevölkerungsexplosion bei den Älteren und die Implosion bei den Jüngeren
spaltet die Volkswirtschaft in wachsende und schrumpfende Märkte, in Gewinner-
und Verliererbranchen. Die Volkswirtschaft als Summe aller Branchen hat um so
günstigere Entwicklungschancen, je besser es gelingt, ältere Menschen in den
Produktionsprozeß zu integrieren. Je weniger Rentner zu beitragszahlenden
Erwerbstätigen gemacht werden können, desto höher sind die Lohnnebenkosten,
heute schon ein schwerwiegender demographischer Standortnachteil Deutschlands.
Produktive Deutsche
Alternde Gesellschaften sind nicht automatisch weniger innovativ und
produktiv als junge. So erwirtschaftete die Bevölkerung Indiens mit ihrem jungen
Durchschnittsalter von 23 Jahren 2001 ein Pro-Kopf-Einkommen von 460 Dollar,
aber die Bevölkerung Deutschlands brachte es trotz ihres hohen
Durchschnittsalters von vierzig Jahren auf das Fünfzigfache, auf 23.700 Dollar.
Deutschland braucht gesellschaftliche Reformen, Innovationen und Ideen, mit
denen sich der Schatz an Produktivitätsreserven heben läßt, der ungenutzt im
Humankapital der Älteren steckt. Wenn es gelingt, das bisherige
Produktivitätswachstum trotz der Alterung zu beschleunigen, dann und nur dann
wird sich der erreichte Wohlstand bewahren und vermehren lassen.
8. Lektion: Demographische Konflikte
Der Ausgleich des sozialen und wirtschaftlichen Gefälles zwischen den
Bevölkerungsgruppen war eines der Hauptziele bei der Entwicklung des sozialen
Rechtsstaats nach dem Zweiten Weltkrieg.
Die im Grundgesetz verankerte Gleichwertigkeit der regionalen
Lebensbedingungen und die Gleichstellung der Geschlechter sind Beispiele für
Etappenziele, die durch das geplante gesetzliche Verbot jeglicher Art von
Diskriminierung verallgemeinert und auf alle Bereiche des Lebens ausgedehnt
werden sollen. Dieser Weg zu größerer sozialer Gerechtigkeit war bisher eine Art
Einbahnstraße.
Ganz gegen unsere Erwartung werden die demographischen Veränderungen unsere
Gesellschaft zu einer Bewegung zurück zu größerer Ungleichheit zwingen. Die
Öffentlichkeit kommt nicht daran vorbei, sich auf die zunehmenden demographisch
bedingten Interessengegensätze einzustellen. Dabei können die Demographen nur
vorausberechnen, wie stark die Ungleichheit zunimmt. Wie die Gesellschaft damit
umgeht, ob sie sie durch ein wesentlich höheres Maß an Solidarität entschärft
oder ob sich die Spannungen konfliktreich entladen, das läßt sich nicht
berechnen.
Ein Mehr an Solidarität nötig
Die Hauptwirkung der demographischen Veränderungen besteht darin, daß sich
die Gesellschaft spaltet. Soll sie nicht auseinanderfallen, müssen ihre Teile
durch ein Mehr an Solidarität zusammengehalten werden. Es ist möglich, daß dies
gelingt, aber dazu bedarf es wesentlich größerer Anstrengungen und Opfer als
bisher. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit lassen sich vier nationale und eine
internationale demographisch verursachte Konfliktlinie unterscheiden.
Auf nationaler Ebene geht es erstens um den wachsenden Verteilungsstress
zwischen den Generationen, zweitens um die demographische Spaltung des Landes in
wachsende und schrumpfende Bundesländer durch Ost-West-Wanderungen, drittens um
das Auseinanderdriften der zugewanderten Populationen und der autochthonen
Bevölkerung sowie viertens um die Spaltung der Gesellschaft in zwei
Teilgesellschaften mit und ohne Nachkommen.
Toleranter gewordene Gesellschaft
Das Verhältnis zwischen den Generationen ist unter den Bedingungen unserer
toleranter gewordenen Gesellschaft heute wahrscheinlich besser als jemals zuvor.
Aber hier geht es nicht um die emotionale Seite dieses Verhältnisses, sondern um
den objektiven Interessengegensatz zwischen der mittleren Generationsgruppe, die
die Versorgungsleistungen für die Kinder und Jugendlichen und für die ältere
Generation erwirtschaften muß, wobei die Sicherheit ihrer eigenen Versorgung mit
jedem Jahr aus zwingenden demographischen Gründen schwindet.
Ebenso schwer wie der Generationenkonflikt wiegt der Gegensatz zwischen den
neuen und alten Bundesländern. Die Ost-West-Wanderungen von den neuen in die
alten Bundesländer wirken wie alle Wanderungen selektiv: Junge, gut ausgebildete
Menschen sind mobiler als der Durchschnitt der Bevölkerung.
Keine Chance für den Aufschwung
Die alten Bundesländer, vor allem Baden-Württemberg und Bayern, sind die
Gewinner des großen Nullsummenspiels der innerdeutschen Wanderungen. Ihre
Bevölkerungszahl wird auf Kosten der neuen Länder noch etwa zwei Jahrzehnte
zunehmen, gleichzeitig profitieren sie durch die Selektionswirkungen der
Wanderungen vom Humankapital der neuen Länder - von der Erziehung und Ausbildung
junger Menschen. Die für die wirtschaftliche Entwicklung entscheidende
Altersgruppe der Zwanzig- bis Sechzigjährigen wird sich in den neuen
Bundesländern bis 2050 halbieren. Der wirtschaftliche Aufholprozeß ist unter
diesen Bedingungen chancenlos, die Spaltung des Landes und ständiger
Verteilungsstress zu seiner Überbrückung sind die Folgen.
Die Interessenkonflikte zwischen den Zugewanderten und der autochthonen
Bevölkerung betreffen vor allem die jüngeren Altersgruppen. Die zugewanderte
Population wächst durch Geburtenüberschüsse und weitere Zuwanderungen,
gleichzeitig schrumpft die autochthone, wobei die Zugewanderten, bedingt durch
wesentlich ungünstigere Bildungsvoraussetzungen, eine ethnisch geprägte
Unterschicht bilden, die einen wachsenden Anteil des staatlichen Sozialbudgets
beansprucht.
Ein neuer Typ von Ungerechtigkeit

Bei einem Anteil der Kinderlosen von einem Drittel bei den Jahrgängen ab 1965
erodieren nicht nur die sozialen Sicherungssysteme, sondern es entsteht ein
neuer Typ von sozialer Ungerechtigkeit - „die Transferausbeutung der Familien“
(Jürgen Borchert) - durch die verfassungswidrige Bevorzugung von Menschen ohne
Nachkommen in der Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung (Urteil des
Bundesverfassungsgerichts vom 3. April 2001).
Die Versorgungslücken des staatlichen sozialen Sicherungssystems erweitern
sich, sie sollen durch private Ersparnis und Kapitalexport in Niedriglohnländer
wie China geschlossen werden. Da auch die Geburtenraten der Entwicklungsländer
stark zurückgehen, ist die demographische Alterung ein weltweites Phänomen. Der
demographisch bedingte Lastenanstieg der erwerbstätigen Generationen läßt sich
durch Kapitalexport nur international anders verteilen, aber nicht aus der Welt
schaffen. Die Ungleichheit nimmt demographisch bedingt weltweit zu.
9. Lektion: Die innerdeutsche Migration
Die Migrationsbewegungen beeinflussen die Bevölkerungsentwicklung einer
Gemeinde wesentlich stärker als die sogenannten natürlichen Komponenten der
Geburten und Sterbefälle.
In einem Stadt- oder Landkreis entfallen heute im Durchschnitt pro Geburt im
gleichen Jahr drei bis fünf Zuwanderungen, ebenso auf jeden Sterbefall eine
vielfache Zahl an Abwanderungen. Daß sich in Deutschland Städte bilden konnten,
beruht auf den Zuwanderungen aus ländlichen Gebieten. Im achtzehnten Jahrhundert
wurden die Städte wegen der bevölkerungsdezimierenden Wirkung ihrer niedrigen
Geburtenrate und ihrer Sterbeüberschüsse mit der Pest verglichen.
Die seit über einem Jahrhundert andauernde „säkulare Nachwuchsbeschränkung“
hat zwar das Niveau der Geburtenrate sowohl in den Städten als auch auf dem
Lande stark verringert, aber die relativen Unterschiede der Geburtenraten
blieben weitgehend erhalten. Dabei sind die in einem bestimmten Zeitpunkt für
einen Jahrgang beobachteten regionalen Unterschiede der Geburtenrate noch größer
als die zeitlichen Unterschiede zwischen den Jahrgängen in einer bestimmten
Region.
Unterschiedliche Lebenserwartung
Auch die Lebenserwartung differiert regional. Bei den 440 Stadt- und
Landkreisen Deutschlands ergibt sich für Männer ein Intervall von 70,1 bis 78,2
Jahren, für Frauen von 77,1 bis 83,1. Dabei darf eine hohe Lebenserwartung nicht
einfach als Wirkung gesundheitsfördernder regionaler Lebens- und
Umweltbedingungen interpretiert werden. Der größte Teil der Unterschiede wird
vielmehr durch die starken Selektionswirkungen der Wanderungsbewegungen im- und
exportiert.
Die überdurchschnittliche Lebenserwartung der Männer im Voralpengebiet, etwa
in Starnberg (78,2), und die unterdurchschnittliche in Ruhrgebietsstädten wie
Gelsenkirchen (72,6) beruht mehr auf der Zuwanderung von Menschen mit
überdurchschnittlicher Ausbildung und dem damit zusammenhängenden
gesundheitsbewußteren Verhalten nach Bayern und auf der Abwanderung dieser
Menschen aus Nordrhein-Westfalen als auf den regionalen Lebensbedingungen der
Herkunfts- und Zielregionen.
Jeder Zuzug ein Wegzug
Jedes Jahr wechseln vier Millionen Menschen den Wohnsitz zwischen den 440
Stadt- und Landkreisen. Da jeder Zuzug irgendwo ein Wegzug ist, teilen die
Binnenwanderungen das Land in Gewinner und Verlierer. Die Hauptbewegungsrichtung
dieser permanenten Abstimmung mit den Füßen sind der jahrzehntelange
Wanderungstrend von den nördlichen in die südlichen Bundesländer und seit 1990
von Ost nach West. Besonders mobil sind jüngere Menschen mit
überdurchschnittlicher Ausbildung. Sie bilden eine Art innerdeutschen
Brain-Drain, von dem die westlichen Bundesländer, vor allem Baden-Württemberg
und Bayern, sowohl demographisch als auch wirtschaftlich profitieren.
Dem Land Mecklenburg-Vorpommern gingen beispielsweise ein Fünftel der Frauen
in der Altersgruppe 20 bis 35 durch Abwanderung verloren. Dies wirkt sich
negativ auf das wirtschaftliche Entwicklungspotential aus, wodurch die
Abwanderung zusätzlich stimuliert wird. Da die meisten Geburten auf diese
Altersgruppe entfallen, entwickelt sich eine demographisch-ökonomische
Schrumpfungsspirale, der mit den Mitteln der Raumordnungs- und Regionalpolitik
nicht beizukommen ist. Je negativer die Auswirkungen auf das Herkunftsland sind,
desto positiver sind sie für die Zielregion.
Konkurrenz ums Humankapital
Unter den Bedingungen der langfristigen demographischen Schrumpfung wird die
Konkurrenz um das gut ausgebildete, junge Humankapital schärfer. Der
demographische Standortwettbewerb der Gemeinden und Regionen läßt sich nicht
durch gesetzliche Maßnahmen beschränken, denn das im Grundgesetz garantierte
Recht auf Freizügigkeit schließt Maßnahmen zur Steuerung der Wanderungen
beispielsweise durch Zuzugsbeschränkungen aus. Denkbar wäre jedoch eine
Differenzierung der Einkommensteuersätze durch die Gemeinden nach dem Beispiel
der Gewerbesteuer, eine Art Anreizpolitik zur Beeinflussung der
Wohnortentscheidungen, die betriebliche Standortentscheidungen nach sich ziehen
könnten.
Anders als im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert ist die
durchschnittliche Geburtenrate heute so niedrig, daß die Sterbeüberschüsse der
städtischen Siedlungsgebiete nicht mehr durch die Geburtenüberschüsse der
ländlichen ausgeglichen werden können. In allen 440 Stadt- und Landkreisen wird
die bestandserhaltende Zahl von 2,1 Kindern je Frau unterschritten. Das Maximum
wurde 2000 in Cloppenburg (1,91) registriert, das Minimum - auch bedingt durch
den hohen Anteil an Studentinnen an der Bevölkerung - in Heidelberg (0,88).
Gewinner und Verlierer
Trotz der hohen Einwandererzahlen bleiben die Binnenwanderungen der
entscheidende Faktor, der die dreizehntausend Gemeinden in demographische
Gewinner und Verlierer teilt. Schrumpfende und wachsende Siedlungen heben sich
immer kontrastreicher voneinander ab.
Verödende Ortskerne in Dörfern und Kleinstädten und Ghettobildungen in
Großstädten, Rückbau, Abriß und Wohnungsleerstände auf der einen Seite wechseln
mit prosperierenden Siedlungen und Regionen ab, wobei heute niemand sagen kann,
ob die Wachstumspole in zwanzig oder dreißig Jahren immer noch auf Kosten der
Abwanderungsgebiete profitieren können oder ob die Schrumpfung schließlich auch
die noch blühenden Regionen einholen und das ganze Land mit einer lähmenden
Tristesse überziehen wird. Da regionales Wachstum nur noch durch
Wanderungsgewinne zu Lasten anderer Regionen möglich ist, muß in jedem Fall mit
zunehmenden räumlichen Interessengegensätzen gerechnet werden.
10. Lektion: Der lange Bremsweg
Die meisten Menschen sind einfach schon zu klug, um noch die Bedeutung der
simplen Wahrheit erfassen zu können: Für Menschen gibt es keinen Ersatz. Auch
die Einwanderer Deutschlands müssen zuerst irgendwo geboren worden sein, bevor
sie zuwandern und hier Probleme lösen können.
Daß unser Land glaubt, seine Zukunft darauf bauen zu können, daß es die von
anderen Ländern mit Kosten und Mühen gewonnenen Früchte erntet, darüber gibt es
hierzulande nicht die geringste öffentliche Reflexion. Wir sehen uns im
Wettbewerb um "die Besten" der anderen Länder und verstehen nicht, daß wir mit
unseren Ansprüchen eine neue Art des Kolonialismus betreiben.
Wie ehrlich muß, darf und soll über die demographischen Probleme Deutschlands
nachgedacht werden? Sind die demographischen Veränderungen vielleicht gar nicht
so wichtig, wie Ralf Dahrendorf uns wissen läßt? Oder hat Claude Levi-Strauss
recht, der feststellte: "Im Vergleich zur demographischen Katastrophe ist der
Zusammenbruch des Kommunismus unwichtig" (F.A.Z. vom 3. Januar 1992)?
Das Ende der politischen Quarantäne
Über kaum ein anderes Thema gehen die Meinungen so extrem auseinander. Ist es
möglicherweise pure Klugheit, wenn nicht sogar Weisheit, daß die Politik das
Thema Demographie jahrzehntelang unter ihrem dröhnenden Schweigen begrub, als
wollte sie damit verhindern, daß es sich wie eine ansteckende Krankheit
ausbreitet?
Die politische Quarantäne der Demographie endete mit Anbruch des neuen
Jahrhunderts. Um 2001 explodierte plötzlich das öffentliche Interesse an
demographischen Fragen. Es ist das Jahr, in dem das Bundesverfassungsgericht den
Stab über die Pflegeversicherung und über die anderen Zweige des
irreführenderweise als sozial bezeichneten, in Wahrheit familienfeindlichen
sozialen Sicherungssystems brach.
Udo Steiner, Richter am Bundesverfassungsgericht, bezeichnete die politischen
Bemühungen um die Reform der Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung angesichts
des Gewichts ihrer demographischen Ursachen als einen Reparaturversuch "bei
laufendem Motor". Sein Kollege Udo di Fabio stellte klar: "Mit dem Urteil zur
Pflegeversicherung hat das Bundesverfassungsgericht die Notbremse gezogen." Aber
mit welcher Wirkung? Der Zug fährt weiter in die falsche Richtung. Die vom
Gericht festgesetzte Frist für die Änderung der verfassungswidrigen Bevorzugung
der Kinderlosen auf Kosten der Familien mit Kindern in der Pflegeversicherung,
der 31. Dezember 2004, ist verstrichen, aber die Ungerechtigkeit blieb, die
durchgeführten gesetzlichen Änderungen haben den Charakter einer Alibihandlung.
Härtetest der Demokratie
Die Funktionsfähigkeit jedes Zweigs des sozialen Sicherungssystems - auch die
der gesetzlichen Renten- und Krankenversicherung -, geht verloren, wenn weniger
Beitragszahler nachwachsen, als Menschen zur Gruppe der Versorgungsberechtigten
hinzukommen. Die Zahl der versorgungsberechtigten Älteren nimmt bis zur
Jahrhundertmitte explosionsartig zu, was ziemlich sicher ist, denn die
Sechzigjährigen und Älteren im Jahr 2050 rekrutieren sich aus den heute über
Fünfzehnjährigen. Gleichzeitig nimmt die Gruppe der Jüngeren implosionsartig ab.
Die Hauptwirkung der Bevölkerungsschrumpfung und Alterung ist eine Zunahme
der sozialen Ungleichheit. Der sich aus der scherenartigen
Auseinanderentwicklung von Anspruchsberechtigten und Leistungspflichtigen
ergebende ökonomische Verteilungsstreß wird diese Demokratie einem ernsten
Härtetest unterziehen. Aber die demographischen Veränderungen berühren nicht nur
wirtschaftliche Fragen, es geht vor allem um die viel entscheidenderen
kulturellen Voraussetzungen des ökonomischen Erfolgs - um Gerechtigkeit.
"Gerechtigkeit ist im Verfassungsstaat vor allem Leistungsgerechtigkeit" (di
Fabio). Ohne sie sind Leistungskraft und Wohlstand auf Dauer unmöglich.
Jahrzehnte des Desinteresses
Der wichtigste und schwerwiegendste Irrtum über die Natur der demographischen
Veränderungen ist der Glaube, daß uns ein rascher Wiederanstieg der Geburtenrate
auf 1,6, 1,8 oder zwei Kinder pro Frau vor dem Schlimmsten bewahren könnte. Aber
es ist dreißig Jahre nach zwölf, heute kann selbst ein Anstieg der Geburtenrate
auf die ideale Zahl von zwei Kindern je Frau die Alterung für Jahrzehnte nicht
mehr abwenden. Daß es ein demographisches Momentum mit irreversiblen Folgen
gibt, ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis der Demographie. Wenn ein
demographischer Prozeß ein Vierteljahrhundert in die falsche Richtung läuft,
dauert es ein Dreivierteljahrhundert, um ihn zu stoppen.
Die langen Bremswege in der Demographie sind bekannt, seit die Demographie im
achtzehnten Jahrhundert als Wissenschaft begründet wurde. Was Deutschland
erwartet, haben Wissenschaftler in unzähligen Artikeln, Büchern und Kongressen
seit Jahrzehnten einer desinteressierten Öffentlichkeit mitzuteilen versucht.
Die vielzitierte Bringschuld der Wissenschaft wurde von der Politik nicht
angenommen, auch die Medien brachten das vorhandene Wissen nicht unter die
Leute.
Deutschland hat von seinem Recht auf Nichtwissen in extensiver Weise Gebrauch
gemacht und wird dafür teuer bezahlen. Volkszählungen wurden schon unter der
Regierung Kohl ohne viel Federlesen abgeschafft. Keine Gemeinde in Deutschland
weiß heute genau, wie viel Einwohner sie hat, die amtlichen Einwohnerzahlen
beruhen allesamt auf den Daten der letzten Volkszählung von 1987.
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